Symbiotische Paarbeziehungen... "Eins sein wollen, obwohl wir zwei sein müssen"

 

 

Du bist mein, ich bin dein:

dessen sollst du gewiss sein.

Du bist verschlossen

in meinem Herzen:

verloren ist das Schlüsselein

du musst für immer drinnen sein.

(Verfasser unbekannt, Tegernseer Briefsammlung 1180)

Ein Definitionsversuch...

 

Symbiose ist ein Begriff aus dem griechischen und setzt sich zusammen aus 'sym' (zusammen) und 'bios' (Leben). Ursprünglich stammt der Begriff aus der Biologie und bezeichnet das funktionale Zusammenleben artfremder Individuen zu ihrem gegenseitigen evolutionären Nutzen. 

In der Psychologie bezeichnet man als 'symbiotisch' eine intensive, wechselseitige Abhängigkeitsbeziehung zweier Menschen in einer Paarbeziehung. Bereits Erich Fromm definiert 1941 die psychologische Symbiose von Paaren als „Vereinigung eines individuellen Selbst mit einem anderen Selbst (oder mit irgendeiner anderen Macht außerhalb des eigenen Selbst) und zwar auf solche Weise, dass jeder dabei die Integrität seines Selbst verliert und beide in eine völlige Abhängigkeit voneinander geraten.“ (The Escape from Freedom, 1941)

Eine Symbiose in partnerschaftlichen Beziehungen zwischen Erwachsenen besteht bei krankhafter Abhängigkeit eines oder beider Partner voneinander und einer existentiell bedrohlichen Angst (häufig im Sinne einer frühkindlichen Todesangst) bei Beziehungsverlust. Franz Ruppert (Symbiose und Autonomie, 2010) unterscheidet in „konstruktive“ und „destruktive Symbiose“.

 

Konstruktive Symbiosen werden als alltägliches Phänomen in gesunden Erwachsenenbeziehungen betrachtet und haben eine unterstützende und gegenseitig fördernde Wirkung ohne sich gegenseitig zu vereinnahmen oder ineinander aufzugehen. Menschen in einer konstruktiven Symbiose kennen und achten sowohl ihre eigenen Grenzen, als auch die Grenzen ihrer Mitmenschen und opfern sich nicht zugunsten anderer auf sondern können eigene Bedürfnisse und Wünsche wahrnehmen und sich dafür einsetzen. Aus einer konstruktiven Symbiose zwischen Eltern und Kind entwickelt sich ein gesundes Autonomiebedürfnis, die wiederum später dem Erwachsenen das Leben konstruktiver Symbiosen in unterschiedlichen Beziehungen (z.B. Partnerschaft, Freundschaft, Beruf, Eltern-Kind,...) ermöglicht.

 

In einer destruktiven Symbiose dagegen gibt es Gewinner und Verlierer. Täter und Opfer. Lügen und Verleugnungen werden als Wahrheiten dargestellt. Liebe wird verdreht und benutzt, um andere emotional zu erpressen. Es geht um Machtmissbrauch, Überangepasstheit und Selbstverleugnung aus einem Zustand der Angst heraus. Zu einem „Symbiosetrauma“ kommt es nach Ruppert, wenn traumatisierte Eltern - die von ihren eigenen Eltern als keine Liebe, keinen Halt und Geborgenheit erfahren durften - nicht in der Lage ist, den symbiotischen Bedürfnissen ihres Babys und Kleinkindes gerecht zu werden und stattdessen eigenes traumatisiertes Erleben an das Kind übermittelt wird. Da die Bedürfnisse des Kindes häufig nicht oder falsch befriedigt werden, muss auch das Kind wiederum seine Bedürfnisse abspalten und sich der Situation und den Eltern anpassen, damit diese sich weiterhin um das Kind kümmern. Die Eltern entscheiden, was richtig oder falsch ist, welche Gefühle erlaubt sind und welche nicht, was geglaubt werden darf und was nicht, was gesagt werden darf und was verboten ist. Es besteht gleichzeitig eine beständige Angst des Kindes, die Zugehörigkeit zu verlieren, wenn das Bedürfnis nach Selbstbestimmung und Autonomie gelebt würde. Dies wirkt sich später wiederum als eine ungesunde Bindung in der Paarbeziehung aus.

...Anfangs ein Segen... 

 

Viele symbiotische Paare haben sich bereits sehr früh kennen und lieben gelernt und sich häufig gegenseitig aus ihren Elternhäusern "gerettet", um sich gemeinsam ein neues, besseres Leben aufzubauen. Von Anfang an fühlen sich beide unzertrennlich. Für ein ganzes Leben verbunden. Endlich geliebt, geschätzt und respektiert. 

 

Häufig hat mindestens einer der beiden Partner, meist aber beide in seiner frühen Kindheit bereits Bindungstraumatisierungen erlebt und überlebt. Manchen Menschen sind diese Traumatisierungen auch bewusst. Sie stellen sich Ihren Lebensthemen und suchen sich erfolgreich therapeutische Unterstützung und unterstützen sich auch hier als Paar intensiv und gerne gegenseitig. Bei anderen wirken sich verdrängte Traumatisierungen (z.B. frühkindliche körperliche, emotionale oder sexuelle Gewalt, frühe Vernachlässigung oder Verwahrlosung) unbewusst auf Verhaltensweisen und Reaktionen im Erwachsenenalter aus.

 

Durch den Wunsch nach Verschmelzung, bedingungsloser Verbundenheit und dem sich gegenseitig unterstützen, aneinander wachsen, sich ausgleichen und ergänzen entstehen oftmals sehr harmonisch wirkende Beziehungen, in der beide Partner extrem harmoniebedürftig und dadurch auch oft nicht konfliktfähig sind. Dies führt häufig dazu, dass Ärger oder Verletzungen durch den Partner entweder geschluckt oder verdrängt werden, um nicht darauf reagieren zu müssen. Eigene Bedürfnisse und Wünsche werden häufig nicht einmal wahrgenommen. Viele Menschen sind mit Ihrer Aufmerksamkeit viel mehr beim Anderen, als bei sich Selbst. Das Bedürfnis nach Autonomie wird immer wieder für die Beziehung und den Partner hinten angestellt und die fehlende Abgrenzung mit Verschmelzung und Anpassung überdeckt. Die hin und wieder aufkommende Wut richtet sich meist gegen sich selbst und mindert noch mehr das geringe Selbstwertgefühl. Dieser Beziehungszustand wird oft über viele Jahre als positiv erlebt.

 

... später eine Qual...

 

Und dennoch wirken diese frühkindlichen Beziehungsmuster in Form von Angst, verlassen zu werden, alleine nicht überleben zu können, zu zerbrechen oder am Abgrund zu stehen, häufig dennoch ganz subtil in diesen schwer verletzten Menschen fort. Das Gefühl, mit dem Partner Eins zu sein, mit ihm emotional und körperlich immer wieder verschmelzen zu wollen und es auch für Momente (z.B. in der Sexualität) zu spüren, bindet solche Paare noch stärker aneinander und jede Form der Entwicklung eines Partners löst beim Anderen Zweifel, Unsicherheit und Misstrauen aus. Die Partner beginnen immer mehr, sich gegenseitig zu kontrollieren und einzuengen. Gleichzeitig benötigen Sie häufig immer intensivere Erlebnisse, um das Gefühl der intensiven Verbundenheit weiterhin spüren zu können. Wie bei einer Drogenabhängigkeit muss die Dosis über die Jahre immer weiter gesteigert werden - der Kick muss immer intensiver werden, bis sich die Beziehung aus einer stützenden Beziehung zu einer On-/Off-Beziehung entwickelt. Wie Junkies setzen sich die Partner gegenseitig einerseits überschießenden Glückshormoncocktails (On) und immer häufiger im Gegenzug dazu massiven Stimmungsschwankungen, Abstürzen und Entzugsphänomenen (Off) aus. Ein ausgewogenes, harmonisches Miteinander ist irgendwann nicht mehr möglich. Es kommt vermehrt zu Abwertung, gegenseitigen Verletzungen, emotionalen Ausbrüchen und Aussenbeziehungen und gleichzeitig sofort, wenn die Angst vor Beziehungsverlust wieder einsetzt, das massiv symbiotische Beziehungsverhalten mit emotionalen Ausbrüchen, Versprechen, Anflehen des Anderen um nicht verlassen zu werden, bis hin zu Suiziddrohungen und -versuchen. Diese On-/Off-Zustände sind unterlegt mit viel Zuneigung, Wärme, Vertrautheit und Verbundenheit. Wodurch das Gefühl entsteht, alles, was bisher im Leben wichtig war, durch eine Trennung zu verlieren, daran zu zerbrechen und nie im Leben wieder glücklich zu werden. 

 

Viele Paare, die in einer symbiotischen Beziehung zum einen aufs innigste, leidenschaftlichste und intensivste verbunden sind, müssen sich zwangsläufig gegenseitig verletzen, wenn einer der beiden Partner - oder auch beide - sich irgendwann auf eine individuelle Art und Weise und vielleicht gar in unterschiedliche Richtungen weiterentwickeln möchte. Und doch gelingt es häufig nicht, eine solche Beziehung auf eine gesunde Art und Weise zu beenden und den Anderen gehen zu lassen. Wie zwei Junkies auf Entzug werden immer wieder Ablösungs- bzw. Trennungsversuche gestartet und häufig mit vielen Versprechungen, intensiver Zuneigung und Liebe und häufig leidenschaftlichstem Geschlechtsverkehr die Liebesbeziehung immer wieder neu aufgenommen.

 

Doch, was diese beiden Partner für Liebe halten, hat mit wahrer Liebe nichts zu tun!

 

Es handelt sich um eine gegenseitige, toxische Abhängigkeit und das Gefühl, den Anderen zu brauchen, um vollständig zu sein. Eine Trennung scheint unvorstellbar und schmerzhaft, wie eine Amputation.

 

Leider halten viele Menschen in unserer Gesellschaft diese Form von Beziehung für "normal", da sie so häufig zu finden ist. Doch gesund ist sie dadurch keineswegs. Aufgrund der persönlichen und gesellschaftlichen Folgen von zwei Weltkriegen, die über Generationen traumatisierte Menschen hinterlassen haben und der bis in die 1980er Jahre üblichen Erziehungsmethoden (...Babys lange schreien lassen, Disziplin durch Härte, sich nicht durch das Baby/Kind tyrannisieren lassen,...) der Ärztin Johanna Haarer ("Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind") ist es kein Wunder, dass gesunde und freie Beziehungen auch heute noch eher die Ausnahme als die Regel sind. Zumal wir in unserer Gesellschaft bisher leider keine unterstützende und gesunde Trennungskultur entwickelt haben.

Bis zum goldenen Schuss?

 

Für manche Paare leider ja... in manchen Paarbeziehungen und somit auch Familien kommt es irgendwann tatsächlich zu Tragödien. Manche Frauen und Männer begehen Suizide und immer wieder werden - vermehrt durch Frauen auch Kinder mit in den Tod genommen, um ihnen "ein Leben in dieser grausamen Welt" zu ersparen. Auch Beziehungsmorde (Femizid - Frauenmord) nach Trennungen durch den verlassenen Partner sind auch in Deutschland leider keine Seltenheit. 

 

"Das Bundeskriminalamt wertet die Partnerschaftsgewalt in Deutschland statistisch aus. Das aktuellste Lagebild bezieht sich auf 2017, Zahlen für das vergangene Jahr sollen Ende November veröffentlicht werden. Demnach wurden 2017 113.965 Frauen Opfer partnerschaftlicher Gewalt, 147 Frauen starben." „Das ist für ein modernes Land wie Deutschland eine unvorstellbare Größenordnung“, sagte Bundesfrauenministerin Franziska Giffey seinerzeit bei der Präsentation der Zahlen.

(https://www.wz.de/nrw/frauenmorde-so-gross-ist-das-problem-femizid-in-deutschland_aid-46363639)

 

In augenscheinlich harmloseren und dennoch dramatischen Fällen, leiden beide Partner, auch nach einer bewussten Trennung in gegenseitigem Einverständnis, oft lange Zeit unter der Trennung. Sie stellen ihre Entscheidung immer wieder in Frage, fallen in Depressionen, Angstzustände und bekommen Schlafstörungen und Alpträume oder leiden unter massiver Erschöpfung. Viele von ihnen werden immer wieder rückfällig und beginnen immer und immer wieder aufs Neue eine Beziehung mit ihrer oft ersten großen Liebe.

Was hilft Paaren, um sich aus einer symbiotischen Beziehung zu lösen?

 

Wie bei einer Drogenabhängigkeit hilft auch bei toxischen (krankmachenden) Abhängigkeitsbeziehungen nur ein konsequenter Entzug. Was im Falle einer Beziehung leider den kompletten Kontaktabbruch, zumindest für eine lange Zeit bedeutet. Hilfreich ist es, wenn beide Partner in ein stabiles soziales Umfeld eingebunden sind und zumindest eine Vertrauensperson haben, die als Gesprächspartner unterstützend zur Verfügung stehen kann. Meistens brauchen beide jedoch auch therapeutische Unterstützung, um zum einen an der ursächlichen Bindungstraumatisierung heilend zu arbeiten und sich mit den auftauchenden Verletzungen, Ängsten, Sorgen und Belastungen, die durch die Trennung einer symbiotischen Beziehung zwangsläufig entstehen, zu befassen und zu wissen, dass sie damit nicht alleine sind und wertschätzend begleitet werden. Hat sich ein symbiotisches Paar entschieden, sich zu trennen, kommt als nächste Hürde oft das Unverständnis und die Fassungslosigkeit des nahen Umfeldes. Von Trauer, Unverständnis weil doch alles so liebevoll und harmonisch gewirkt hat, bis hin zu Versuchen, das Paar zum Weitermachen zu überreden, kann den Beiden vieles die Entscheidung noch schwerer machen als sie sowieso schon ist. 

 

Insbesondere, wenn ein Paar auch gemeinsame Kinder hat, ist hier besondere Sorgsamkeit zu empfehlen, da ein völliger Kontaktabbruch in Bezug auf das Kindeswohl oft keine sinnvolle Option darstellt. Hier haben beide Partner die Verantwortung, den Kontakt auf Elternebene ganz klar zu strukturieren und die Kontakte dennoch ausschließlich auf diese Ebene und zeitlich auf ein Minimum zu beschränken und ansonsten einen möglichst großen Abstand zueinander zu halten. Eine unglaublich schwere, kraftraubende Aufgabe.

 

Symbiotische Menschen tendieren nach einer Trennung häufig dazu, sich im Sinne einer seriellen Monogamie, sehr schnell wieder in eine neue Liebesbeziehung zu stürzen, ohne sich die Erfahrung von Eigenständigkeit, Freiheit, Verantwortungsübernahme und Unabhängigkeit und dadurch Wachstum auch hin zu gesünderer Beziehungsfähigkeit zu ermöglichen.

 

Beide Partner werden auch in zukünftigen Beziehungen immer viel Achtsamkeit und Sorgsamkeit benötigen, um nicht nach einiger Zeit wieder in abhängige Beziehungsmuster zu verfallen.


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